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07.02.2006 07:57

"from my songbook" CD-Besprechung in der Jazz Podium

Ron Spielman

Die Vollendung eines Genres

Tage, an denen man CDs wie die des Singer/Songwriters Ron Spielman auf den Tisch bekommt, sollte man sich als Musikjournalist rot im Kalender anstreichen. Denn es sind diese raren Klang-Ereignisse, die einen diesen Job lieben lassen. Das Album "From my Songbook", Ende des Jahres 2005 fast unbemerkt erschienen, ist eine der herausragenden Produktion der letzten Jahre aus dem so angesagten Grenzbereich von Folk, Soul, Jazz und Americana. Und das ist besonders bemerkenswert, weil es bislang vor allem Frauen wie Norah Jones oder zuletzt Lizz Wright waren, die hier auch kommerziell imposant in Erscheinung getreten sind.

Spielman erreicht deren Niveau mühelos und übertrifft diese Referenz-Aufnahmen des Genres sogar in mancherlei Hinsicht ? auch deshalb, weil er ihre Vorgaben um seine originären Möglichkeiten erweitert hat. So enthält das Album zahlreiche Elemente, die einen Klassiker ausmachen: eine Stimme von hohem Widererkennungswert, ungewöhnliche, aber nie aufdringliche Arrangements sowie ein zeitloses Songmaterial, allesamt Originals, das tief in die Geschichtskiste der populären Musik Amerikas greift und doch ein sehr persönliches Statement ist. Dabei ist es insbesondere harmonisch so einfach gehalten, dass es auch ein großes Publikum zu bewegen vermag.

Dieses jederzeit spannende und dabei so überaus entspannende Album hat zwei zentrale Erfolgsgeheimnisse: die brillante Songwriting-Kunst von Ron Spielman und die kongeniale Aufbereitung durch den Produzenten, Labelinhaber und Jazz-Schlagzeuger Torsten Krill. Er ist der eigentliche Initiator dieses Projekts, das die logische Folge einer seit Jahren währenden gegenseitigen Wertschätzung ist. Eines Tages rief Krill Spielman an und schlug ihm mit den trockenen Worten "Bring ein paar Songs und deine akustische Gitarre mit ? ich kümmere mich um den Rest" vor, gemeinsam eine Platte aufzunehmen. Dieser "Rest" übrigens bestand darin, zwei Top-Arrangeure der jungen deutschen Jazz-Szene, Rainer Tempel und Ralf Schmid, für das Projekt zu begeistern und ein ebenfalls eher dem Jazz verpflichtetes Line-up aus sage und schreibe 20 erstklassigen Musikern wie Jo Ambros, Markus Bodenseh, Hakim Ludin oder Cécile Verny mit geradezu musikpädagogischem Feingefühl zusammenzustellen. Denn dieses Ensemble harmoniert auf derart gespenstische Weise, dass man meint, eine fein nuancierte Kammermusik von höchster Transparenz zu hören: intim, sentimental und zugleich von einer Kraft, wie sie nur eine kompromisslos authentische Musik entfesseln kann. Diese Aufnahmen sind wahrlich beseelt.

Ein derart hohes Ziel zu verfolgen ist nicht ohne Risiko, wie Ron Spielman bestätigt: "Ein wichtiger Schachzug von Torsten war es, gezielt Musiker einzubeziehen, die nicht aus der Popmusik kommen. Rainer Tempel ist dafür ein gutes Beispiel. Ein Pop-Arrangeur hätte angesichts dieser harmonisch doch eher einfachen Musik sofort in den genreüblichen Sounds und Patterns gedacht und damit eine gestalterische Chance verspielt. Das ist natürlich eine Gratwanderung. Eine solche Vorstellung kann auch kippen. Aber Torsten war sich hier seine Sache sehr sicher ? zu Recht, wie man, so hoffe ich, hören kann."

Ron Spielman, der zuvor sechs CDs unter eigenem Namen veröffentlicht und selbst produziert hatte, hat es genossen, einen großen Teil der Produktions-Verantwortung diesmal abgeben und sich ganz auf Gesang und akustische Gitarre konzentrieren zu können. Zum guten Gefühl hat vor allem auch die akribische Arbeitsweise von Torsten Krill beigetragen.

"Thorsten hatte von Anfang an ein Klangideal im Kopf. Zur Veranschaulichung hat er mir Klangbeispiele zugeschickt, darunter etliche unbekannte Sachen aus dem Independent-Bereich. Ziel war es, die Instrumente sehr authentisch klingen zu lassen und dabei nach dem Grundsatz zu verfahren: Jeder spielt so viel wie nötig und so wenig wie möglich."

Die Reduktion ist einer der Meta-Trends der populären Musik der letzten Jahre, eingeläutet u.a. durch die Kings of Convenience mit der programmatischen CD "Quiet is the new loud" sowie durch das inzwischen aufgelöste schwedische Duo Hederos & Hellberg oder ? in Deutschland ? durch die beiden ersten Alben des Lisa Bassenge Trios.

Ron Spielman (eigentlich: Spielmann) ist, dem amerikanisierten Namen zum Trotz, ein deutscher, seit vielen Jahren in Berlin lebender Musiker. So sorgte meine bei der ersten Kontaktaufnahme per E-Mail gestellte Frage, ob man das Interview in Englisch führen solle, für eine gewisse Heiterkeit. Er werde allerdings oft für einen Amerikaner gehalten, weil in einem Gesang offenbar kein deutscher Akzent zu hören sei, erklärt der Wahl-Hauptstädter mit süddeutsch gerolltem R.

Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass die Vita Spielmans eher an die großen Clichés amerikanischer Bluesmusiker als an einen deutschen Liedermacher erinnert: aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, die Mutter früh verstorben, bereits mit sechzehn in diversen WGs gelebt, die Musik für sich entdeckt und damit eine Bestimmung, die künftig immer wieder positive Energien freisetzen sollte: "Mit der Musik hat sich für mich doch einiges geöffnet. Etliche Freunde von damals machen heute einen Job, der ihnen keinen Spaß macht, andere sind perspektivlos versackt, sitzen im Knast oder sind einfach von der Bildfläche verschwunden. Auch vor diesem Hintergrund ist die Musik für mich mit der Verpflichtung verbunden, ihre Ideale möglichst glaubwürdig zu leben."

Obwohl der 40-jährige Sänger und Gitarrist seine Wurzeln eher im Rhythm 'n' Blues hat, war er immer offen für Ausflüge in andere, auch massentauglichere Richtungen. So ist er derzeit als Sänger und Texter der wieder belebten 80er Jahre Kultband "Spliff" aktiv. "Für mich ist das eine neue, musikalisch sehr interessante Erfahrung. Und eine Herausforderung: Beispielsweise wurde ich in das Studio eines Bandmitglieds nach Portugal eingeladen, wo ich innerhalb von zwei Wochen zu 17 Songs Gesangsmelodien und Texte entwickeln musste. Eine Arbeit, bei der man seinen inneren Schweinehund überwinden und hoch konzentriert zu Werke gehen muss. Manchmal tut so etwas richtig gut. Außerdem mag ich die Leute, und das gesamte Arbeitsumfeld ist angenehm professionell."

Ron Spielman arbeitet ansonsten hauptsächlich mit seiner eigenen, achtköpfigen R'n'BBand. "From my songbook" ist sein erster Ausflug ins Acoustic-Genre. Ihm ist damit auf Anhieb ein großer Wurf gelungen, eines jener seltenen Alben, mit denen man seine besten Freunde überraschen möchte. Dass diese meisterhafte Aufnahme derzeit nur online zu beziehen ist, macht sie als Entdeckung nur noch wertvoller.

Volker Doberstein

Aktuelle CD - Ron Spielman "From my Songbook", frimfram voices ff 03, Vertrieb: www.lauschoase.de